Rainer Greubel: Partnertausch (Auszug)

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Es war Sonntagvormittag, Yvonne hatte genußvoll und ausführlich, aber selbstverständlich ernährungsbewußt und kaloriensparend gefrühstückt. Da sie nicht in Eile und bester Laune war, und außerdem die Septembersonne die Luft bereits angewärmt hatte, beschloß sie, das Verdeck ihres Cabriolets zunächst geöffnet zu lassen. Sie hatte drei Stunden Autofahrtbis nach Düsseldorf vor sich - Zeit genug, ihre Freundin Saskia anzurufen und ihr von den Ereignissen der letzten Tage zu berichten.

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Sobald Yvonne am Rasthaus Rohrbrunn auf die Autobahn 3 Richtung Frankfurt aufgefahren war, wählte sie die Telefonnummer von Saskia in Wunstorf bei Hannover. "Schumacher", meldete sich die Freundin.
"Grüß dich, hier ist Yvonne. Wie geht's dir, meine Liebe?"
"Na ja, den Umständen entsprechend. Gestern abend ist die Polizei zu mir gekommen. Eine Beamtin hat mir schonend beibringen wollen, daß Dirk tot aufgefunden wurde. Es hat mich ganz schön Kraft gekostet, die Überraschte und Entsetzte zu spielen, aber ich glaube, es ist mir recht überzeugend gelungen. Die beiden Polizisten kümmerten sich jedenfalls rührend um mich, vor allem, als mir die Knie weich wurden und ich umgesunken bin. Ich muß sagen, der junge Beamte hatte ganz schön Kraft, als er mich auffing und sanft auf die Wohnzimmercouch legte!" "He he, laß mal stecken! Finger weg von den Männern! Du weißt doch wie sie sind!" mahnte Yvonne. "Schon gut, war ja nur Spaß. Irgendwann sind sie dann gegangen, und ich konnte endlich durchatmen. Jetzt erzähl aber du mal!"

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"Am Freitag bin ich dann bis nach Marktheidenfeld gefahren und wie verabredet im Hotel ‚Zur schönen Aussicht' abgestiegen. Mit Dirk habe ich mich am Abend in einer Eisdiele in der Hauptstraße von Marktheidenfeld getroffen. Wir unterhielten uns eine Stunde lang und sind dann auseinandergegangen, jeder in sein Hotel. Er war im Anker mit vier Sternen untergebracht. In der Eisdiele schmiedete er Pläne, wie wir uns in der Nacht noch treffen könnten. Ich redete es ihm aus, indem ich behauptete, in meinem Hotel seien Leute aus der Düsseldorfer Agenturszene, die mich kennen. Es sollte uns ja tunlichst niemand zusammen sehen. Stell dir vor, er schlug sogar vor, zum Fensterln zu kommen. Also, ich muß schon sagen, trotz seiner siebenundfünfzig Jahre spielte er ganz tapfer den Hengst, der Herr Verleger von Pferdebüchern und Pferdekalendern!"
"Bei dir tut er das, äh, tat er das ganz offensichtlich. Das scheint ja nicht wesentlich anders zu sein als mit deinem Mann. Ich kann mich über die Triebhaftigkeit von Gerd auch nicht beschweren. Entweder haben du und ich jeweils den Falschen geheiratet oder die Männer entwickeln sich eben zwangsläufig so?" "Zwangsläufig? Eher zwanghaft! Viele meinen, sie müßten unbedingt eine Geliebte haben, damit sie sich vor sich selbst bestätigt sehen", sagte Yvonne. "Nicht nur das. Ich habe Dirk einmal belauscht, wie er mit deinem Gerd telefoniert hat. Die haben jeweils gewußt, daß der andere mit der eigenen Ehefrau ein Verhältnis hat! Das müssen die sich mal beim Segeln auf dem Steinhuder Meer gegenseitig geoffenbart haben. Anscheinend fanden sie es besonders chic, daß mein Mann mit dir und dein Mann mit mir ‚heimliche Verhältnisse' eingegangen sind. Jetzt ist der eine Teil der Geschichte jedenfalls abgehakt." "Es lief alles wie geplant", berichtete Yvonne weiter. "Am Samstag sind Dirk und ich - wie besprochen - getrenn nach Homburg bei Lengfurt gefahren und haben an einer großen Gästeführung teilgenommen. Ist übrigens ein schnuckeliger, romantischer Ort mit einer Burg auf einem Felsen; da können wir beide auch mal hinfahren . . ." " . . . und an passender Stelle feiern und einen Frankensekt trinken; aber bitte einen Jahrgangsriesling!" "An dieser mehrstündigen Führung haben gut vierzig Leute teilgenommen, so daß Dirk und ich ganz unauffällig dabei sein konnten. Keiner hat uns als Paar erkannt. Der Führer hat Ortsgeschichtliches erzählt und uns die Burkardusgrotte, die einzige Tropfsteinhöhle Unterfrankens, gezeigt; er hat die Geologie der Region dargelegt und uns zu den steilen Weinbergslagen ‚drei Tannen', ‚Kallmuth' und ‚Edelfrau' geführt. da gab's dann jeweils die entsprechenden Weine zu trinken, toll, genau nach Plan!" "Mensch Yvonne, mach's doch nicht so spannend. Was interessiert mich die Edelfrau von Homburg? Du bist meine Edelfrau, aber jetzt erzähl' weiter!" "Alles lief wie geplant. Ich hatte ja genau diese Führun vor einem Monat schon einmal mitgemacht. Deinen Dirk habe ich schön die Weinproben trinkenlassen, auch meine Gläser. Die Führung ging dann in den Winzerkeller der GWF. Der Führer zeigte uns die Kelleranlagen. Sehr beindruckend, wie tief hinunter und verzweigt das dort ist." "Weiter!" "In Franken ist gerade Erntezeit, und da fängt der ganze gepreßte Traubensaft an zu gären. Der Führer zeigte uns mehrere Stellen in den Kellergewölben, wo sie in Knie-, Hüft- und Schulterhöhe jeweils eine Kerze brennen lassen. Sobald die unterste ausgeht, wissen sie, daß der Keller sich allmählich - wie mit steigendem Wasser - mit Kohlendioxid füllt." "Ja ja, Chemie. Oder Physik. Weiter!" "Wer dann nicht schnell genug einen solchen Keller verläßt, erstickt!" "Toll! Weiter!" "Dein Dirk war schon etwas beschwipst und hatte nichts dagegen, daß wir uns ans Ende der Gruppe zurückfallen ließen. Er grapschte mehrmals von hinten nach mir, griff mir beim Treppensteigen unter den Rock und fand es ganz offensichtlich erregend zu fummeln, e gedenk des Risikos, ertappt zu werden. Ich spielte ganz das rollige Kätzchen. Als die Gruppe einen Kellerabschnitt verließ, von dem der Führer gesagt hatte, hier sammle sich erfahrungsgemäß sehr schnell das Kohlendioxid, tat ich so, als ob ich verrückt nach Dirk wäre und knutschte mit ihm rum - ein letztes Mal." "Toll, und dann?" "Dann schubste ich ihn spielerisch ein wenig von mir; er taumelte zwei Schritte rückwärts und lachte. Ich ging schnell zur Tür hinaus und verriegelte sie von außen. Das hat er wohl am Anfang gar nicht geschnallt. Jedenfalls habe ich nichts mehr von ihm gehört; falls er überhaupt noch geklopft oder gerufen hat." "Mensch, Yvonne, das ist ja super gelaufen! Glückwunsch!"
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(C) Rainer Greubel 2007

Auszug aus: Anthologie "Noch eine Leiche im Keller", erschienen im September 2007 im Eigenverlag

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