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Fortsetzungsroman „Höher hinaus“

Hinweis an die Leser: Dieser Fortsetzungsroman „Höher hinaus“ ist ein literarisches Projekt des Autorenkreises Würzburg. Unterschiedliche Autoren wechseln sich ab und entwickeln eine gemeinsame Geschichte. Dabei entstehen interessante Stilbrüche, formal wie inhaltlich, und es werden unterschiedliche Herangehensweisen und Perspektiven deutlich. Die Verantwortlichkeit der einzelnen Kapitel liegt beim jeweiligen Autor.

HÖHER HINAUS

[Andreas Arnold] 1.
„Ja, Mama. Natürlich passe ich auf mich auf.“ Immer ängstlich und besorgt. Wieso vertraut sie mir nicht? Mit 38? Und wie geht das überhaupt: auf sich aufpassen? Das ist ja lächerlich. Ich stelle mir gerade einen muskulösen Türsteher vor, der mit süffisantem Lächeln und verschränkten Oberarmen herumsteht und mich wie ein glitzerndes Juwel, in der Faust vor aller Welt verborgen, festhält. Und weil er kontrollieren muss, dass alles in Ordnung ist, macht er die Hand immer wieder auf, um nachzusehen, ob ich noch drin bin. Natürlich wird ihm irgendwann sein Juwelchen den Handschweiß hinunterrutschen, hinausfallen und klirrend in den Gulli kugeln. Ha! Meine Mutter hält sich für was Besonderes. Ja, sie hat es geschafft, mich in die Welt zu jagen. Mit einer Zange zogen sie, bis ich blau war und schreien musste. Aber freiwillig ließ sie mich nicht gehen. Schon früh wusste ich, dass mein Auszug eine schwere Geburt wird. Darum fasste ich Pläne. Was gefällt ihr nicht? Wenn die Tochter Mannsarbeit macht. Wo haben Frauen nichts verloren? Auf dem Bau. Genau. Mit dem Ersparten von Oma machte ich den LKW- und Ladekranführerschein. Los ging!s. Wenn ich da oben bin, über Schwalben zwischen Hochhäusern schwebend, dann muss ich einfach singen. Denn ich, Kranführerin Gundel Engelhardt, werde einmal eine berühmte Sängerin. Das weiß ich. Sicher.

[Katinka Valerie] 2.
Seit meinem zwölften Lebensjahr, weiß ich’s. Religionsunterricht. „Lobet den Herren“. Als mich Herr Segretto singen hörte, neigte er den Kopf, als ob er den flüsternden Herzschlag eines Engels hören wollte. „Wie die Heilige Cäcilia singt unsere Gundula.“ Ganz rot wäre ich geworden, wenn ich nur die Neigung dazu hätte. Wie ein Geheimnis hatte ich’s behalten. Doch dass es mir so wichtig war, das durfte keiner wissen. Nach dem Unterricht rannte ich hinaus und versenkte runde Steine im Schultümpel, so lange, bis ich einen Plan gefasst hatte: Meine Stimme solle niemals untergehen und einfach so weg sein, im Morast verdümpeln.

Vielleicht lag‘s daran, dass mich Mama nie loben wollte, obwohl ich immer schon „der wichtigste Mensch“ für sie war. Vielleicht daran, dass ich selbst gerne meiner Stimme nachlauschte, als ob sie ein Echo hätte. Wie die Dolly Parton wollte ich singen. „Coat of many colors“. Das war mein Song. Und den stimmte ich manchmal bereits morgens nach dem Aufstehen an, bis meine Stimme wie ein Reibeisen wurde und Mama mir den bitteren Hustensaft hinstellte, damit ich nicht wie der Opa klang. „Deinen Saft trink ich nicht“, hätte ich gerne gerufen. Doch ich wusste damals noch nicht, wann man vor unüberwindbaren Mauern stand, wann man sie einreißen musste.

Mit einem LKW randvoll mit meinem „Kinderzimmer“ und den Möbeln von Oma bin ich nach Heidingsfeld in meine erste eigene Wohnung gefahren. Erdgeschoss. Ein Zimmer, doch mit einer Küche, die sich sehen lassen konnte, damit die Nichten weiter ihre Kekse bekommen würden. Und Mamas Sorge im Hinterstübchen, dass die Tochter zu dünn und drahtig sei, „Pass auf, dass du genug isst.“ Wie dumm ich war! Hätte ich gewusst, wie frei ich mich fühlte, als ich den Brummi mustergültig parkte, und meine neuen Kollegen von „Bauunternehmungen Egon Neuhaus“ in Windeseile alles hineintrugen und mit mir eine neue Heimat bauten – dann hätte ich’s sicher früher schon gewagt.

[Rainer Greubel] 3.
„Wennste die so o-schaust, die Gundel – wie a Äffle klettert die da nauf!“ Kopfschüttelndes Anerkennen schwang mit, als Manfred, der gelbbehelmte Eisenbieger, der Kranführerin hinterherschaute, während sie nach der Neunuhrbrotzeit wieder gut zwanzig Meter die Metallleiter hinaufstieg zu ihrer Kanzel. Die Kollegen folgten dem Blick ihres Kapos, schauten kurz nach oben, rückten ihre Helme zurecht und gingen an ihre Einsatzstellen auf der Betonplatte, die den Boden des dritten Stocks bilden würde. Mit vier Stockwerken plus Giebeldach sollte dieses Haus die nebenstehende Häuserzeile lückenlos und mit gleicher Dachrinnen- und Firsthöhe ergänzen – wegen des „harmonischen Ensembles“, wie es die Stadtbildkommission einst formuliert hatte.

Nach jahrelangem Ringen waren alle juristischen und statischen Unklarheiten beseitigt, das schwächelnde, denkmalgeschützte Hochhaus in der Augustinerstraße Nummer 9 konnte renoviert und die Baulücke in der Straßenfront mit Nummer 11 geschlossen werden. An diesem Nachbargebäude des Hochhauses arbeiteten heute elf Mann und Gundel Engelhardt vom Bauunternehmen Egon Neuhaus.

Wie üblich wechselte die Bauarbeitergruppe immer wieder die Einsatzstellen. Ihr Chef Egon Neuhaus hatte mehrere Aufträge an Land gezogen, verfügte aber bei weitem nicht über genügend Mitarbeiter, um alle Baustellen gleichzeitig bedienen zu können. In dieser Woche war jedenfalls die Lückenfüllung der Nummer 11 zwischen dem denkmalgeschützten Nachkriegshochhaus und dem Standardstadtensemble rechts daneben mal wieder dran.

Gundel war in ihrer Kanzel angekommen, schnaufte durch und blickte nach unten. Da liefen sie wieder, die Menschen. Wie Ameisen wuselten sie über den Gehsteig, drüben vor den Schaufenstern von Oxfam, Twentyfour Colours, Warhammer, Highendsmoke und Living. „Alles englische Namen“ bemerkte sie, „und überall Klamotten!“. Von welchen Motiven mochten sie getrieben sein, die kleinen Menschen? Huschten sie durch die Stadt, um wichtige Einkäufe zu erledigen, vielleicht sogar lebenswichtige wie den Kauf von Lebensmitteln, besuchten sie Ärzte oder ging es um die Erfüllung von purer Kauflust? Gundel konnte sich bei ihrem schmalen Gehalt nicht so recht vorstellen, wieso Menschen in Geschäften einkauften, die sich „Boutiquen“ nennen und Kleidung und Accessoires anbieten, die man praktisch nirgendwo anziehen konnte und das auch noch zu phantasievollen Preisen.

Bis der nächste Arbeitsauftrag per Funk kam, ließ sie ihren Gedanken freien Lauf, jetzt geleitet vom weit reichenden Blick aus der erhabenen Position. Abgesehen vom nebenstehenden Hochhaus überragte ihre Kanzel die Dächer und gewährte einen Neun-Zehntel-Rundumblick über die Innenstadt mit freier Sicht auf alle Kirchtürme und gegenüber auf Festung und Käppele, die von der Morgensonne freundlich angestrahlt wurden.
Ein Lied kam ihr in den Sinn und sie fing an zu singen.

[Barbara Wolf] 4.

Erst brummte sie Mimimimimiiii, um die richtige Tonlage zu finden, dann verließen gewaltige, stimmsichere Töne ihren Kehlkopf, die keiner dieser dünnen drahtigen Person zugetraut hätte. „Hallelujah, Hallelujah … I´ve heard there was a secret chord that David played and it pleased the lord. But you don´t really care for music, do ya. Well it goes like this the forth the fifth the minor fall, the mayor lift. The baffled king composing Hallelujah …“. Hatte sie zuerst noch die Augen geschlossen, öffnete sie nun ihre Lider und breitete die Arme aus, um den Klang der Töne und das strahlende Blau des Himmels auf sich wirken zu lassen. So würde sie singen, wenn sie die Gelegenheit bekäme, bei einem Singwettbewerb mitzumachen.

Gundel summte weiter und richtete ihren Blick wieder nach unten. Was war das denn? Auf dem Gehsteig der Augustinerstraße lief ihr Chef mit Monsignore Giovanni-Paolo Segreto im Schlepptau eilig die Häuserzeile entlang. Die beiden gestikulierten mit Händen und Kopfnicken. Sie schienen nicht einer Meinung zu sein. Jetzt blieb Monsignore Segreto sogar stehen und stampfte mit dem Fuß auf. Was da wohl los ist? Sicher hat das mit dem geplanten Hochhaus neben der Residenz zu tun. Das Bistum hat dabei ja auch ein Wörtchen mitzureden. Die Pläne werde ich mir bei Gelegenheit näher anschauen. Oder frage ich bei der nächsten Chorprobe meines Kirchenchors den Monsignore was ihn im Gespräch mit meinem Chef so aufgebracht hat? Mal sehen was sich ergibt. Auf jeden Fall bleibe ich dran an der Sache.

Sie reckte sich, um zu sehen, wohin die beiden gingen.  Gerade wechselten sie die Straßenseite. Mist, die Häuserzeile versperrt mir den Blick.

[Andreas Arnold] 5.

Der Chef kam zurück, nahm die Trillerpfeife und blies aus Leibeskräften. Bevor Gundel den Pfiff hörte, sah sie ihn bereits. Klein ist so ein Bauleiter, aus 50 Metern Höhe. Einer von den Ameisen. Seine Glatze spiegelt. Auch er weiß nicht alles. Manchmal ist er sogar dumm. Vielleicht ist etwas passiert? Ob das mit dem Monsignore zu tun hat? Gundel kannte den Monsignore. Er war behäbig, nahm keinen Weg zu viel. Wenn er hier war, hatte das was zu bedeuten. Was haben die zwei besprochen? Ist was passiert? Heute muss das Erdgeschoss fertig werden. Der Bau ist – wie gewohnt – in Zeitverzug. Gundel hob die Wand exakt auf die über den Funk angewiesene Stelle, wartete, bis alles gerückt und gemessen war, und drückte den Knopf, um die Last zu lösen. Vielleicht wird eine Bombe vermutet? In Würzburg kann man sich nie sicher sein. Überall schlummern die im Boden. Zeitzeugen, die vor Wut explodieren, wenn man sie auf dem falschen Fuß erwischt. Oder wurde eine Leiche entdeckt? Eine von der Sorte, dass man rätseln musste, wie es möglich war, dass sie hier, genau hier auftauchte. Es half nichts. Gundel musste runter. Kranführer dürfen keine persönlichen Gegenstände mit in die Kanzel nehmen. Das lenke ab. Als ob sich jemals einer getraut hätte, das hier oben zu kontrollieren. Gundel nahm das Foto, das sie und ihre Mutter im Dream Beach Resort III in Ägypten vor dem Restaurant zeigte, dachte an das Rote Meer, wie es ihre Beine umspülte, und ging die üblichen sechs Minuten, durch die stürmischen Herbstwinde immer mal wieder gebeutelt, nach unten, bis sie den Boden betreten konnte.

[Katinka Valerie] 6.

Als sie den Erdboden betrat, waren ihre Knie weich wie Gummi. Ein Gefühl wie nach dem Schwimmen. Gerade noch im Wasser oder in der Luft und dann plötzlich auf dem Land. Die Muskeln verstehen den Übergang zwischen den Elementen nicht recht. Auch ihr Chef schien nicht so genau zu wissen, wo oben und wo unten war. Seine Glatze blitze immer wieder hinten beim Bauwagen auf, daneben die für Gundel vertraute, anmutige Schwere von schwarzem Priester-Gewand. Wie waren die beiden nur so schnell hier her gekommen? Doch bevor sie ihrer Neugier nachgehen konnte, musste sie erst noch ihren Arbeitsplatz in Ordnung bringen. O-beinig stapfte sie voran, lief einmal um den Kran, schaltete den Netzanschlussschalter aus, verbolzte die Windsicherung und drehte die Schienenzange an. Alles in der Ruhe, sonst würde es nicht gescheit werden. Zuletzt packte sie ihre Siebensachen in den Rucksack. Ein letzter sehnsüchtiger Blick auf das Urlaubsfoto. Dann zog sie den Reißverschluss am plüschigen Anhänger in Form einer Note zu.
„Der Himmel ist ihnen wohl nicht hoch genug?“
War es die Stimme des Monsignore gewesen? Gundel verharrte, den Kopf zwischen den Schultern, wie ein Erdmännchen, das ein wildes Tier gehört hat.
„Jetzt müssen’s sich hier auch noch in unseren Bau einmischen.“

Nein, es war der Chef und seine bekannte „gute Laune“. Sie hatte es sogar schon in einen Mainpost-Artikel geschafft.

Rainer Greubel (7)

„Servus Gundel, kannst hämm geh“, warf Bauleiter Karl Endres der Kranführerin quer über die Baustelle entgegen, nachdem sie die Sicherungsarbeiten verrichtet hatte. „Hast eh ‘n Sack Überstunde, da kannst jetz ähne abbau!“ Bauleiter Endres berührte den Monsignore Giovanni-Paolo Segretto am Arm, beugte seinen Kopf zu ihm hin und flüsterte ihm etwas zu, was weder Gundel noch die anderen Bauarbeiter hören konnten.

Gundel hatte die Geste bemerkt, und ihre Neugier war geweckt. „Was hamm denn die zu tuscheln?“, dachte sie und spielte noch einige Momente die Vielbeschäftigte, um Zeit zum Beobachten zu gewinnen. Tatsächlich! Nach einem kurzen Kopfwenden ging Bauleiter Endres den ersten Schritt und nahm den Monsignore mit. Körperhaltung und -bewegung verrieten Gundel, daß dieser Weggang etwas Geheimnisvolles in sich barg. Wo die wohl hinwollten?

Gundel wartete noch einen Augenblick und folgte dann den beiden. Sie war neugierig geworden. Durch die Bockgasse, Ursulinergasse, Klostergasse, die Franziskanergasse überquerend folgte sie dem Duo. „Meine Güte, alles heilige Straßen“, dachte sie. Über den Franziskanerplatz in die Domerschulstraße, am Priesterseminar und Bistumsarchiv vorbei, erreichte das Duo den Josef-Stangl-Platz. Hier, zwischen Musikerbrunnen und Hofgartenrückseitentor hielten der Bauleiter und der Monsignore an.

Gundel hatte die Männer über die Fahrbahn hinweg im Blick, blieb vor der Michelskirche stehen und sinnierte erneut über die Vergeistlichung von Gebäuden und Straßen in Würzburg. Rechts im Blick hatte sie das Kilianeum, links den Schmiedeeisenzaun des fürstbischöflichen Hofgartens und vor sich den kleinen Platz mit Brunnen und Bäumen, der nach Josef Stangl benannt war, der über zwanzig Jahre als Bischof die Diözese Würzburg geleitet hatte.

Ein leichter Schauer durchzog Gundel, als ihr einfiel, daß es jener Bischof Stangl gewesen war, der in den 70er Jahren seinen Segen zu einem Exorzismus in Klingenberg gab, der für die betroffene junge Frau den Tod durch Entkräftung als Resultat hatte. Das Ermittlungsverfahren gegen Stangl wegen fahrlässiger Tötung wurde bald eingestellt, und den Bayerischen Verdienstorden und das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik durfte der Kirchenmann auch behalten.

Jene, zu des Bischofs Ehren benannte, vielleicht zwanzig mal dreißig Meter große Fläche, zur Zeit als schnöder Parkplatz genutzt, sollte die Basis für Großes sein. So jedenfalls waren sich Bauleiter Endres und Monsignore Giovanni-Paolo Segretto einig. Ein mehrstöckiges Mehrfunktionenhaus sollte hier entstehen, ein Objekt mit Laden und Gastronomie im Erdgeschoß, darüber Büros und weiter oben Wohnungen mit phantastischem Ausblick, vor allem auf den Hofgarten.

„Ein Sechser im Lotto!“, zischte der Bauleiter ins kirchliche Ohr, „Jackpot inklusive!“

Als Mit-Bauunternehmer schwärmte er: „Ich garantiere Ihnen, werter Monsignore, daß wir sämtliche Flächen noch vor Baubeginn verkauft haben werden!“ Giovanni-Paolo Segretto schlug ein verhuschtes Kreuzzeichen, wandte den Blick zur Michelskirche und flüsterte: „Im Namen der Kirche, im Namen Gottes.“

Bedenken um die Genehmigungsfähigkeit eines zehnstöckigen Hochhauses unmittelbar angrenzend an den Hofgarten des Unesco-Welterbes zerstreute der Bauleiter sogleich, mit einem Auge zwinkernd: „Beziehungen schaden nur dem, der keine hat!“

Außerdem könne man das besondere Schwergewicht der Kirche einsetzen. Immerhin stand für gut ein Drittel aller Grundstücke in Würzburg ein kirchlicher Besitzer im Grundbuch. Mit dem Hochhaus böte sich auch die Chance, einen Namen wieder aufleben zu lassen: Nachdem der Stadtrat boshafterweise der Fläche vor dem Theater den etablierten Namen Kardinal-Faulhaber-Platz entzogen hat, böte sich eine neue klangvolle Anwendung an: Kardinal-Faulhaber-Turm.

Barbara Wolf [8]

Die beiden Männer verabschiedeten sich händeschüttelnd. Monsignore Segretto lief in ihre Richtung. Mehr würde Gundel jetzt nicht mehr erfahren. Sie drehte sich um, eilte am Residenzgelände vorbei, Richtung Innenstadt. Vor dem Brautmodengeschäft Obitz blieb sie stehen. Ob sie sich wohl auch eines dieser wertvollen, traumhaften Brautkleider würde leisten können? Na ja, wenn es mit der Karriere als Sängerin voran gehen und sie berühmt würde, dann vielleicht! Dieser Hoffnungsschimmer versetzte sie in gute Laune und zauberte ein Lächeln in ihr Gesicht.

Sie lenkte ihren Schritt zur nächsten Ampel, um durch die Eichhornstraße zum Marktplatz zu kommen. Vor ihr tauchte in der Menschenmenge wieder ihr Chorleiter auf. Mit ihm würde sie ihren weiteren Karriereschritt planen. Er musste ihr helfen. Verdammt, warum war er nur so schnell unterwegs. Schon war er im Menschengetümmel des Marktplatzes verschwunden. Heute würde sie ihn nicht mehr einholen. Also ab nach Heidingsfeld in ihr neues Zuhause.

Als sie ihre Wohnungstür öffnete, sah sie den Anrufbeantworter blinken. Sie zog ihre Schuhe aus, hängte ihre Jacke an den Haken, der ihr als Garderobe diente, legte ihren Schlüssel auf das Schuhschränkchen und drückte auf die Telefontaste, um die Nachricht abzuhören. Eine ihrer Nichten, die zehnjährige Leni wollte soooo gerne nach Bad Kissingen auf den Weihnachtsmarkt. Das letzte Mal hätten dort mehrere Verkäufer große Luftballons mit Leuchtdioden angeboten. So einen leuchtenden Luftballon wollte sie unbedingt kaufen. Gundel rief ihre Nichte an. „Wann wolltest Du denn zum Weihnachtsmarkt?“ „Am liebsten dieses 1. Adventswochenende, dann hätte ich das Geschenk noch rechtzeitig zum Geburtstag meiner Freundin.“ „Also gut, da ist ja noch November, am Samstag können wir fahren. Ich hol’ dich um 13 Uhr ab wenn deine Mutter einverstanden ist.“ „Alles klar, bis dann, ich freu mich.“

Pünktlich stand Gundel am Samstag vor der Tür, um ihre Nichte abzuholen. Die strahlende Sonne versprach einen angenehmen Ausflug mit Cafébesuch und Bummeln durch die mit Tannen geschmückten Straßen. Dazwischen Weihnachtsbuden mit Handwerkskunst. Sie schlenderten die Stände entlang, Gundel kaufte zwei Schokowaffeln, Kinderpunsch und einen Becher Kaffee. Danach suchten sie sich einen Sitzplatz und betrachteten die vorübergehenden Passanten. Leni hielt nach dem Luftballonverkäufer Ausschau. „Schau mal, da hinten kommen Kinder, die haben alle einen Leuchtballon.“

„Na, komm, wir gehen in ihre Richtung, dann werden wir schon was finden.“ Sie standen auf, die kleine Hand von Leni schob sich in Gundels Hand. Ganz warm wurde ihr ums Herz, ein Glücksgefühl das sie nicht beschreiben konnte. Beschwingt liefen sie Richtung Konzerthalle. „Da vorne läuft unser Monsignore“, rief Leni. Ungläubig sah Gundel in die Richtung. Wo ging ihr Chorleiter wohl so zielstrebig hin? Wahrscheinlich möchte er zum Casinocafé. Dort soll der Kuchen besonders gut sein, dachte sich Gundel. Ein Pärchen kam ihnen entgegen, das sich unterhielt. Wortfetzen erreichten Gundels Ohr, die sie nie für möglich gehalten hätte. „Neulich hat er tausende von Euro verloren.“

„Ich hab` ihn auch schon beim Zocken beobachtet. Gewonnen hat der nie.“ Beide lachten, er blickte zurück zum Monsignore und murmelte: „Der kann einem leidtun.“

„Ach,“ sagte Gundel zu Leni „ich glaube, wir sollten wieder in die Fußgängerzone geh´n. Dann kaufen wir den Luftballon. Es wird langsam dunkel und Zeit wieder zurückzufahren.“ Leni hat hoffentlich nicht so genau zugehört. Sie soll nicht mitkriegen was unser Monsignore offensichtlich so treibt. Auf dem Weg zum Parkplatz kauften sie zwei leuchtende Luftballons die Leni bis zum Auto tragen durfte. Sie hüpfte und lachte und betrachtete mit strahlenden Augen ihre schwebende Errungenschaft.

Auf der Heimfahrt gingen Gundel die Wortfetzen nicht mehr aus dem Kopf. „Verspielt unser Chorleiter im Casino sein Geld?“

[Andreas Arnold] 9.
Gundel konnte die Nacht nicht einschlafen. Was hat der Monsignore zu verbergen? Warum verhielt er sich so komisch? Gut, vielleicht ist etwas dran, wenn die Leute von Schulden sprechen, aber das ist doch kein Beinbruch. Da muss mehr dahinter sein, dachte sie. Hat es vielleicht etwas mit unserer Baustelle zu tun? Er war plötzlich da. Warum? Das übliche Bombensuchkommando, das in Würzburg normalerweise immer bei Grabungen hinzugezogen werden, blieb aus. Gundel reckte sich, seufzte laut, zog sich an und ging in die Nacht hinaus. Sie lief durch die menschenleeren Gassen von Würzburg. Carpe diem!, stand auf der Rathausuhr, die kurz nach 3 Uhr anzeigte. Ja, nutze den Tag, nutze die Zeit. Lebe! Lebe jetzt! Und wenn etwas falsch in deinem Leben ist, dann decke es auf, sagte sich Gundel. Und hier war etwas gründlich falsch. Es musste etwas mit der Baustelle zu tun haben. Aber das war ihr Bau. Und auf ihrem Bau kamen keine krummen Dinger vor. Sie lief zur Augustinerstraße 9. Alles ruhig. Niemand da. Überhaupt war ihr auch niemand begegnet. Es war, wie sie die Baustelle heute Nachmittag verlassen hatte. Alles stimmte, bis auf ein winziges Detail. Über der Grube, die sie gestern neben dem Gebäude für ein Garagenfundament ausgegraben hatten, lag eine große blaue Plane. Der Wind hob und senkte sie ein wenig. Gundel wusste siegessicher, dass sie Recht gehabt hatte. Hier stank etwas gewaltig. Was hatte diese Plane hier zu suchen? Wer machte sich die Mühe, diese nach Dienstschluss so fein säuberlich hinzulegen und an den Ecken mit Balken und Steinen zu fixieren? Da musste etwas drunter sein. Ganz bestimmt. Gundel wurde nervös. Es war sehr leise. Unheimlich leise. Nur der Wind ließ die Plane rascheln. Gundel summte „Hey Joe“ von Jimmy Hendrix, obwohl sie dessen E-Gitarre hasste.

 

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