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Fortsetzungsroman „Höher hinaus“

Hinweis an die Leser: Dieser Fortsetzungsroman ist ein literarisches Projekt des Autorenkreises Würzburg. Unterschiedliche Autoren wechseln sich ab und entwickeln eine gemeinsame Geschichte. Dabei entstehen interessante Stilbrüche, formal wie inhaltlich, und es werden unterschiedliche Herangehensweisen und Perspektiven deutlich. Die Verantwortlichkeit der einzelnen Kapitel liegt beim jeweiligen Autor.

[Andreas Arnold]
„Ja, Mama. Natürlich passe ich auf mich auf.“ Immer ängstlich und besorgt. Wieso vertraut sie mir nicht? Mit 38? Und wie geht das überhaupt: auf sich aufpassen? Das ist ja lächerlich. Ich stelle mir gerade einen muskulösen Türsteher vor, der mit süffisantem Lächeln und verschränkten Oberarmen herumsteht und mich wie ein glitzerndes Juwel, in der Faust vor aller Welt verborgen, festhält. Und weil er kontrollieren muss, dass alles in Ordnung ist, macht er die Hand immer wieder auf, um nachzusehen, ob ich noch drin bin. Natürlich wird ihm irgendwann sein Juwelchen den Handschweiß hinunterrutschen, hinausfallen und klirrend in den Gulli kugeln. Ha! Meine Mutter hält sich für was Besonderes. Ja, sie hat es geschafft, mich in die Welt zu jagen. Mit einer Zange zogen sie, bis ich blau war und schreien musste. Aber freiwillig ließ sie mich nicht gehen. Schon früh wusste ich, dass mein Auszug eine schwere Geburt wird. Darum fasste ich Pläne. Was gefällt ihr nicht? Wenn die Tochter Mannsarbeit macht. Wo haben Frauen nichts verloren? Auf dem Bau. Genau. Mit dem Ersparten von Oma machte ich den LKW- und Ladekranführerschein. Los ging!s. Wenn ich da oben bin, über Schwalben zwischen Hochhäusern schwebend, dann muss ich einfach singen. Denn ich, Kranführerin Gundel Engelhardt, werde einmal eine berühmte Sängerin. Das weiß ich. Sicher.

[Katinka Valerie]
Seit meinem zwölften Lebensjahr, weiß ich’s. Religionsunterricht. „Lobet den Herren“. Als mich Herr Segretto singen hörte, neigte er den Kopf, als ob er den flüsternden Herzschlag eines Engels hören wollte. „Wie die Heilige Cäcilia singt unsere Gundula.“ Ganz rot wäre ich geworden, wenn ich nur die Neigung dazu hätte. Wie ein Geheimnis hatte ich’s behalten. Doch dass es mir so wichtig war, das durfte keiner wissen. Nach dem Unterricht rannte ich hinaus und versenkte runde Steine im Schultümpel, so lange, bis ich einen Plan gefasst hatte: Meine Stimme solle niemals untergehen und einfach so weg sein, im Morast verdümpeln.

Vielleicht lag‘s daran, dass mich Mama nie loben wollte, obwohl ich immer schon „der wichtigste Mensch“ für sie war. Vielleicht daran, dass ich selbst gerne meiner Stimme nachlauschte, als ob sie ein Echo hätte. Wie die Dolly Parton wollte ich singen. „Coat of many colors“. Das war mein Song. Und den stimmte ich manchmal bereits morgens nach dem Aufstehen an, bis meine Stimme wie ein Reibeisen wurde und Mama mir den bitteren Hustensaft hinstellte, damit ich nicht wie der Opa klang. „Deinen Saft trink ich nicht“, hätte ich gerne gerufen. Doch ich wusste damals noch nicht, wann man vor unüberwindbaren Mauern stand, wann man sie einreißen musste.

Mit einem LKW randvoll mit meinem „Kinderzimmer“ und den Möbeln von Oma bin ich nach Heidingsfeld in meine erste eigene Wohnung gefahren. Erdgeschoss. Ein Zimmer, doch mit einer Küche, die sich sehen lassen konnte, damit die Nichten weiter ihre Kekse bekommen würden. Und Mamas Sorge im Hinterstübchen, dass die Tochter zu dünn und drahtig sei, „Pass auf, dass du genug isst.“ Wie dumm ich war! Hätte ich gewusst, wie frei ich mich fühlte, als ich den Brummi mustergültig parkte, und meine neuen Kollegen von „Bauunternehmungen Egon Neuhaus“ in Windeseile alles hineintrugen und mit mir eine neue Heimat bauten – dann hätte ich’s sicher früher schon gewagt.

[Rainer Greubel]
„Wennste die so o-schaust, die Gundel – wie a Äffle klettert die da nauf!“ Kopfschüttelndes Anerkennen schwang mit, als Manfred, der gelbbehelmte Eisenbieger, der Kranführerin hinterherschaute, während sie nach der Neunuhrbrotzeit wieder gut zwanzig Meter die Metallleiter hinaufstieg zu ihrer Kanzel. Die Kollegen folgten dem Blick ihres Kapos, schauten kurz nach oben, rückten ihre Helme zurecht und gingen an ihre Einsatzstellen auf der Betonplatte, die den Boden des dritten Stocks bilden würde. Mit vier Stockwerken plus Giebeldach sollte dieses Haus die nebenstehende Häuserzeile lückenlos und mit gleicher Dachrinnen- und Firsthöhe ergänzen – wegen des „harmonischen Ensembles“, wie es die Stadtbildkommission einst formuliert hatte.

Nach jahrelangem Ringen waren alle juristischen und statischen Unklarheiten beseitigt, das schwächelnde, denkmalgeschützte Hochhaus in der Augustinerstraße Nummer 9 konnte renoviert und die Baulücke in der Straßenfront mit Nummer 11 geschlossen werden. An diesem Nachbargebäude des Hochhauses arbeiteten heute elf Mann und Gundel Engelhardt vom Bauunternehmen Egon Neuhaus.

Wie üblich wechselte die Bauarbeitergruppe immer wieder die Einsatzstellen. Ihr Chef Egon Neuhaus hatte mehrere Aufträge an Land gezogen, verfügte aber bei weitem nicht über genügend Mitarbeiter, um alle Baustellen gleichzeitig bedienen zu können. In dieser Woche war jedenfalls die Lückenfüllung der Nummer 11 zwischen dem denkmalgeschützten Nachkriegshochhaus und dem Standardstadtensemble rechts daneben mal wieder dran.

Gundel war in ihrer Kanzel angekommen, schnaufte durch und blickte nach unten. Da liefen sie wieder, die Menschen. Wie Ameisen wuselten sie über den Gehsteig, drüben vor den Schaufenstern von Oxfam, Twentyfour Colours, Warhammer, Highendsmoke und Living. „Alles englische Namen“ bemerkte sie, „und überall Klamotten!“. Von welchen Motiven mochten sie getrieben sein, die kleinen Menschen? Huschten sie durch die Stadt, um wichtige Einkäufe zu erledigen, vielleicht sogar lebenswichtige wie den Kauf von Lebensmitteln, besuchten sie Ärzte oder ging es um die Erfüllung von purer Kauflust? Gundel konnte sich bei ihrem schmalen Gehalt nicht so recht vorstellen, wieso Menschen in Geschäften einkauften, die sich „Boutiquen“ nennen und Kleidung und Accessoires anbieten, die man praktisch nirgendwo anziehen konnte und das auch noch zu phantasievollen Preisen.

Bis der nächste Arbeitsauftrag per Funk kam, ließ sie ihren Gedanken freien Lauf, jetzt geleitet vom weit reichenden Blick aus der erhabenen Position. Abgesehen vom nebenstehenden Hochhaus überragte ihre Kanzel die Dächer und gewährte einen Neun-Zehntel-Rundumblick über die Innenstadt mit freier Sicht auf alle Kirchtürme und gegenüber auf Festung und Käppele, die von der Morgensonne freundlich angestrahlt wurden.
Ein Lied kam ihr in den Sinn und sie fing an zu singen.

 

[Barbara Wolf]

Erst brummte sie Mimimimimiiii, um die richtige Tonlage zu finden, dann verließen gewaltige, stimmsichere Töne ihren Kehlkopf, die keiner dieser dünnen drahtigen Person zugetraut hätte. „Hallelujah, Hallelujah … I´ve heard there was a secret chord that David played and it pleased the lord. But you don´t really care for music, do ya. Well it goes like this the forth the fifth the minor fall, the mayor lift. The baffled king composing Hallelujah …“. Hatte sie zuerst noch die Augen geschlossen, öffnete sie nun ihre Lider und breitete die Arme aus, um den Klang der Töne und das strahlende Blau des Himmels auf sich wirken zu lassen. So würde sie singen, wenn sie die Gelegenheit bekäme, bei einem Singwettbewerb mitzumachen.

Gundel summte weiter und richtete ihren Blick wieder nach unten. Was war das denn? Auf dem Gehsteig der Augustinerstraße lief ihr Chef mit Monsignore Giovanni-Paolo Segreto im Schlepptau eilig die Häuserzeile entlang. Die beiden gestikulierten mit Händen und Kopfnicken. Sie schienen nicht einer Meinung zu sein. Jetzt blieb Monsignore Segreto sogar stehen und stampfte mit dem Fuß auf. Was da wohl los ist? Sicher hat das mit dem geplanten Hochhaus neben der Residenz zu tun. Das Bistum hat dabei ja auch ein Wörtchen mitzureden. Die Pläne werde ich mir bei Gelegenheit näher anschauen. Oder frage ich bei der nächsten Chorprobe meines Kirchenchors den Monsignore was ihn im Gespräch mit meinem Chef so aufgebracht hat? Mal sehen was sich ergibt. Auf jeden Fall bleibe ich dran an der Sache.

Sie reckte sich, um zu sehen, wohin die beiden gingen.  Gerade wechselten sie die Straßenseite. Mist, die Häuserzeile versperrt mir den Blick.