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Mit diesem Zitat von Walt Whitman eröffnete Ulrike Sosnitza das literarische Jahr 2012 im Rahmen unseres Neujahrsempfangs in der Stadtbücherei. Lesen Sie hier den Wortlaut ihrer Rede, mit der wir uns zugleich bei allen unseren Zuhörern und Lesern herzlich bedanken.
Um ein hervorragender Dichter zu sein, bedarf es eines hervorragenden Publikums.
Mit diesen Worten von Walt Whitman, dem weisen amerikanischen Dichter, begrüße ich Sie herzlich zum Beginn des Literarischen Jahres 2012.
Genau darum geht: um Dichter, und um ihr Publikum. In mehr als 35 Lesungen haben wir Autoren im vergangenen Jahr unser Publikum unterhalten. In Galerien und Gymnasien, bei einem Glas Wein oder einem 5-Gänge-Menü, bei Literaturfestivals und Kunstausstellungen. Es wurden mit geteilten Rollen Comics nachgespielt, Gedichte rezitiert und wohl an die 1500 Leser unterhalten. Für das kommende Jahr ist Ähnliches geplant.
Und jetzt eröffnen wir eine neue Lesereihe. Jetzt fragen Sie sich vielleicht: Warum? Und warum hier, in der Stadtbücherei Würzburg?
Eigentlich ist es ganz einfach: Dieses hervorragende Publikum, von dem Walt Whitman sprach, finden wir hier in der Stadtbücherei. Und dieses Publikum erwartet hervorragende Lesungen. Und die gibt es. Große Namen waren letztes Jahr hier, Arno Geiger, oder Ingrid Noll. Jetzt sind wir es. Die Autoren und Autorinnen des Würzburger Autorenkreises. Und wir hoffen, dass Sie darauf vertrauen, dass auch unsere Lesungen in der Stadtbücherei hervorragend sind. Unsere Lesungen sind Gemeinschaftsproduktionen, jeder profitiert vom anderen, ob viel gelesen, oder erst noch auf dem Wege dorthin. Wir sind alle aus Würzburg. Manchmal sind wir zugezogen, oder ins Umland weggezogen. Oder auch weiter weg. Manche kommen nach Jahren wieder zurück, so wie unser neues Mitglied Erhard Löblein. Wir sind dieser Region verbunden. Das spürt man in unseren Geschichten, die ja zum Teil genau hier spielen. Und dass diese Literatur in die Stadtbücherei gehört, das hat uns die Leiterin Frau Anja Flicker bei unserem Neujahrsempfang 2011 – damals zur Ausstellungseröffnung in der Sparkasse Mainfranken – eindrucksvoll dargelegt.
Eine weitere wichtige Frage lautet: Warum lesen wir Autoren so gerne? Man könnte in der Zeit doch auch einen neuen Roman schreiben! Oder zumindest einen Haiku. Man könnte mit dem Hund raus gehen oder endlich die Steuererklärung machen. Die vom vorletzten Jahr.
Vorlesen ist ein magischer Moment. Selbst wenn der Text schon oft vorgetragen wurde, ist es doch immer eine Premiere. Denn eine Lesung entsteht aus der Zusammenarbeit von Autor und Publikum. Und das ist jedes Mal ein anderes … Wird gelacht? An der richtigen Stelle? Wird gebannt gelauscht oder mit dem Bonbonpapier geknistert? Wird man angesehen – okay, das bedeutet, dass man den Mut hat, das Publikum anzusehen, was nicht immer einfach ist, je nachdem, was gerade gelesen wird. Und wo! Geklatscht wird am Ende immer. Aber wann? Ist da noch eine Minute, in der gezögert wird, weil der Schluss ergreifend war, oder zum Nachdenken anregt? Wie bei einem Konzert, bei dem das ergriffene Publikum erst dem ausklingenden Ton lauscht, bevor es frenetisch und auf den Stühlen stehend Beifall klatscht? Oder wird bereits nach der Handtasche gegriffen und der Autoschlüssel gesucht? Werden Fragen gestellt? Und, die peinlichste aller Überlegungen: Was antworte ich? Und dann beginnt man, vom Schreiben zu erzählen, vom einsamen Vorgang der Erschaffung von Menschen, Welten, davon, wie viel Spaß es machen kann, Menschen zu töten – natürlich rein literarisch , und das es nicht nur Joanne K. Rowling beim Sterben ihrer Hauptfiguren die Tränen in die Augen treibt. Wir erzählen nicht von der Mühseligkeit, das richtige Wort zu finden. Oder einen Verlag. Das nimmt den Zauber.
Magische Momente entstehen auch beim Lesen anlässlich eines Wettbewerbes. Der Autor trägt vor, im Inneren die bange Frage, ob der Text verstanden wird, so auf die Schnelle, ob er richtig verstanden wird. Dann bespricht eine Jury das Gehörte, auch sie ist ein hervorragendes Publikum, denn dort sitzen natürlich keine altbackenen Sänger, sondern gestandene Germanisten, Journalisten, Schriftsteller. Ein Preis winkt am Schluss. Unsere Autorin Ulrike Schäfer, die Dr. Schunk gleich noch ausführlich vorstellen wird, hat bereits reichliche Erfahrungen im Autorencasting sammeln dürfen. Sie verstand es, Arno Geiger, den Träger des Deutschen Buchpreises 2005, zu beeindrucken. Ein magischer Moment.
Wir lesen auch im kleinen Kreise, um Texte zu überprüfen. Viele Verbesserungen fallen erst im lauten Vortrag auf. Und nicht in der Stille unserer Gedanken. Für diese Arbeit am Text und für alles andere hat uns Herr Gerd Michel, Galerist aus der Semmelstraße, sein Kunsthaus zur Verfügung gestellt. Eine verzaubernde Atmosphäre. Dafür an dieser Stelle vielfachen Dank.
Und das Profane? Das Geld? Denken Sie nicht auch die ganze Zeit daran, dass Lesungen der Werbung dienen? Natürlich. Aber deshalb kommen Sie doch nicht, oder lesen Sie etwa jedes Werbeblättchen, das in ihrem Briefkasten landet? Werbung, das ist ein Nebeneffekt. Nein, Sie, Walt Whitmans hervorragendes Publikum, Sie kommen, weil sie den Autor kennen lernen wollen, seine Stimme, seine Mimik und Gestik. Ein Autor aus Fleisch und Blut, keiner, bei dem man auf einen Button klickt und ihn zum Freund erklärt. Sondern einer, für den Sie sich die Mühe gemacht haben, bei diesem Wetter in die Stadt zu fahren. Um dann zuzuhören. Eine Kunst, die kaum noch geübt wird. Zuhören, ohne mitmachen zu können, ohne wegzuzappen, einfach nur zuhören, so wie ein Kind, das noch nicht lesen kann. Und vor dessen Auge die Dinge zu leben beginnen.
Da die Dinge aber nur in der Phantasie von alleine entstehen, bedanken Gunther Schunk und ich uns bei Sonja Höflich, Hans-Jürgen Beck und den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Stadtbücherei für die hervorragende Vorbereitung dieses Abends.
Vorlesen ist magisch. Zuhören ist es auch. Und sollte Ihnen der Zauber unserer Geschichten gefallen haben, so kommen Sie bitte immer wieder, bringen Sie ihre Freunde mit, und genießen Sie.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Ulrike Sosnitza, Sprecherin des Autorenkreises Würzburg, am 19.1.2012. |