Erhard Löblein: Die Mitte des Universums (Romanauszug)

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Diesmal ist der Barkeeper ein junger schlanker Mann mit langen pechschwarzen, im Nacken gebundenen Haaren, so wie auch Maria ihre Haare bändigt. Er ist Student, denke ich, Mathematik vielleicht, auch Physik, nein, Psychologie sagt er, als ich rate. Er habe sich mit achtzehn Jahren, hier in dieser Bar als spätabendliche Aushilfe, zu diesem Studium entschlossen und helfe auch während des Studierens noch ab und zu mal aus.
Ich könne mir vorstellen, sage ich, dass einen da hinten eine Menge Inspiration überfällt, so konfrontiert mit dem prallen nächtlichen Menschenleben.
Wissen Sie, antwortet er, wenn man hier steht und sieht, was sie tun, und hört, wie sie denken, und ahnt, wie sie sind, und nicht Lust auf Psychologie bekommt, dann sollte man lieber Gläser spülen gehen, das braucht Leute mit Sensibilität für das Greifbare – aber entschuldigen Sie, da kommt Besuch.
Ich schaue weiter angestrengt in mein Glas, ich beneide ihn um Selbstsicherheit, Jugend und Freiheit und um seine Psychologie und um seine gute Wahl einer hübschen jungen Freundin, die er sicher hat, ach, ich fürchte, ich kriege nun den Alterskummer, schaue auf und ihm nach und sehe Nora am anderen Ende sitzen, sie schaut mich an und ich starre zurück – Hallo Marc, sagt sie, und ich auch Hallo Nora und gehe zu ihr, gebe ihr brav die Hand, Darf ich mich setzen?, Ja, wo ich doch Ihretwegen hier bin, ich wollte Sie nur eben bei Ihrer Wahrheitssuche nicht stören.
Ich verstehe nicht sofort, sie fragt, ob sie nicht mehr im Wein liege, die Wahrheit, ich hätte doch eben noch so intensiv danach geforscht. Ja, sage ich, sie liegt wohl noch da, aber es ist verflixt schwer, sie ausfindig zu machen, bevor das Glas leer ist.
Vielleicht liegt sie genau da, in der Leere, wo sie niemand sucht. Leere kann nicht lügen. Lügen kann nur ein Subjekt. Nichts ist wahrhaftiger als die Leere.
Nun, vielleicht lohnt es sich, darüber nachdenken. Im Augenblick komme ich nicht dahinter, ich bin zu sehr mit etwas Anderem beschäftigt, sage ich. Viel dringender nämlich will ich wissen, ob sie keine Lesungen mag, nein, sie liebe es, selbst zu lesen, bei Lesungen störe sie der fremde Ton, sagt sie, er beeinflusse und lenke sie ab, sie habe keine Gelegenheit, eine kleine Pause zwischen Worten zu machen, nachzudenken, auf einen schönen Gedanken noch einmal zurückzukommen, ihn noch einmal zu lesen und dann sogar noch Zeit zu haben, sich darüber zu freuen. Meine Bücher habe sie übrigens gelesen, so ganz für sich allein.....

Nora ist aufmerksam, manches will sie genauer wissen, berührt dabei meinen Arm, nur kurz, als versichere sie mir, mich gleich weiter reden zu lassen. Ich bin völlig bei ihr, mit ihr, bin ihr nah und absolut für sie da und rede trotzdem weiter von meiner Lesung und was die Leute alles in ihr Buchexemplar gewidmet sehen wollen, damit ich Noras Aufmerksamkeit und Nähe nur ja nicht verliere. Es ist mir jetzt ganz egal geworden, was ich über Nora weiß oder zu wissen glaubte oder fürchtete, glauben zu müssen, weggefegt ist es, sie ist ein leeres Blatt, das ich beschreiben möchte mit Liebesgedichten, mit Ideen für die Zukunft, mit Aphorismen über ihre Schönheit und über mein Glück, jawohl, Glück, welches sie in die Mitte des Universums Liebe definiert und sicher ist, die Mitte sei nicht zu finden. Aber ohne Hoffnung sollte man in diesem Kosmos gar nicht unterwegs sein, man braucht den Treibstoff Hoffnung für einen beharrlichen Weg und für die Zuversicht, irgendwann das Ziel zu finden. Und dort nicht allein zu sein.