Erhard Löblein: Die Einsamkeit des Kilometersteins

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Für diese Jahreszeit war er zu warm angezogen.
Über einem grauen Pullover faltete sich eine ausgewaschene, ehemals wohl khakifarbene Windjacke an ihm herunter. Die neue Hose schien für den nächsten Winter bestimmt. Und die blauen Socken darunter steckten in Sommersandalen.
Er war sicher noch keine Vierzig. Sein frisches Gesicht passte nicht zur Windjacke. Die Haare schienen wie vor wenigen Minuten sorgfältig gekämmt.Den Straßenrand aufmerksam absuchend, war der Mann dahergekommen und hatte ihn sofort gesehen, obwohl ungeschnittenes Gras den Kilometerstein ‘EinsNeunNeun’ fast zur Hälfte verbarg.
Er beugte sich zu ihm, strich über ihn hin wie über den Kopf eines Kindes, trat die Halme rundum sorgfältig von ihm weg und setzte sich auf seine weiße Kuppe, die Hände gestützt auf den ausgebreiteten Knien, den Kopf dazwischen gebeugt.Hallo, sagte er, du bist also noch so ein Gottverdammter in dieser gottgemiedenen Landschaft. Nummeriert und arretiert wie ein Strolch, der ordentlich was ausgefressen hat. Und auch schon zur Hälfte begraben! Eine traurige Straßenranderscheinung. Na, zumindest eine scharf umrissene Existenz. Kann nicht jeder Mensch von sich behaupten.
Warum ist denn aus dir nichts Anderes geworden? Besseres? Das Steinzeug hast du doch dazu! Wäre doch was gewesen – Grundstein einer Steinreichen-Villa. Zum Beispiel. Wäre doch etwas von grundlegender Bedeutung gewesen! Oder als Schlussstein ganz oben im herrschaftlichen Portal, mit der Hausnummer EinsNeunNeun – hätte auch schon genügt! Hättest auf eine Menge Leute herab starren können. Und müsstest nicht hier im Gras hocken wie ein Frosch, der darauf wartet, dass der Froschteich zu ihm kommt. Vielleicht wärest du aber – zum Lobe des Herrn der Schöpfung – lieber als kleines Steinchen in mächtigen Mauern einer noch mächtigeren Basilika verborgen, weil du dich in der Masse geborgener fühlen würdest.
Oder stelle dir vor, du wärest in die tatkräftigen schwieligen Hände eines sensiblen Steinbehauers geraten – Wozu hätte der dich geschlagen Du wärest aller überflüssigen Pfunde ledig gewesen, und viele Steinbeschauer wären mit Ahs und Ohs um dich gekreist, bis dich eine Bewunderin zu sich nach Hause hätte tragen lassen. Vielleicht sogar, weil sie dich liebte. Falls ihr nicht doch noch ein mobileres Objekt ihrer Liebe dazwischen gekommen wäre!
Da siehst du, wie gut sich mit dem Konjunktiv dem Glück hinterher träumen lässt. Aber Glück bringt nichts voran! Wo Glück sowas von träge ist vor lauter Sattheit und grinsender Selbstzufriedenheit! Wie überraschend, wie abwechslungsreich und hungrig dagegen ist das Unglück. Und so entschlossen. Und kreativ! Immer das Schlimme vom Schlimmsten im Säckel!
Eine Weile schaute der Mann gespannt die Straße entlang, als erwarte er jeden Augenblick die Rückkehr eines roten Sportwagens, der gerade dorthin verschwunden war. Dann nickte er einige Male heftig. Jaaa – sagte er endlich und zog den Vokal so lange hin, bis er den Stein wieder im Blick hatte.
Nun – Ich habe wirklich nicht den Weg gemacht, um dich zu frustrieren. Es gibt Unangenehmeres, als ein Wegelagerer zu sein. Nämlich einen, der sich nicht mal fort denkt. Du kannst aber auch stolz sein auf dein standhaftes Überleben, wenn man bedenkt, wie traurig das Gras ringsum am Boden liegt. Man hätte dich schließlich auch zu weißem Steinmehl mahlen und unter zähklebrigen Asphalt mischen können. Oder dich zu Schotter kleinhäkseln und mit Millionen Kleingemachtem unter dem Asphalt begraben. Nein, Unsinn – für anständigen Schotter bist du wohl zu wenig belastbar. Eher wärest du als strammer Bordstein in Reih und Glied und an einer bedeutenden Straße liegen geblieben, wo die Reifen parkender Autos entlang schrammen und kläffende Schoßhündchen sich endlich über dir erleichtern dürfen.
Dann schaute der Mann stumm, als lausche er einer langen Antwort. Und sagte, als antworte er darauf:
Ja, was heißt denn das konkret – ‘Wert sein’? Gar nichts! Wert ist subjektiv. Wert ist das, was für Andere von Nutzen ist. Und leider nicht nach Gewicht, mein Lieber! Die Frage muss also lauten: Was warst du dem wert, der dich herausgeholt hat aus deiner erdgeschichtlichen Vergangenheit? Und dem, der dir eine exakte Form gegeben und dich zur Nummer gemacht hat? Und dem, der deine Position vermessen und dem, der dich exakt dahin setzte. Denen warst du selbst gar nichts wert, nur die Arbeit, die sie mit dir hatten! Und was du denen wert bist, die diese verschissen-verschandelte Gegend mit Lärm und Gestank belästigen, weißt du selber! Ansonsten passiert ja nichts.
Er lachte wie zerhackt und mit breitem geschlossenen Mund.
Wenn du mich fragst – Besser man bleibt tief drin im Schoß von Mutter Erde und weiß nichts von der Welt draußen, von ihren Bewertungen und den wünschenswerten Dingen in ihr. Und weiß nichts von der Unmöglichkeit, über das eigene bloße Vorhandensein hinaus auch zu sein. Aber groß rauskommen möchte man halt, kann aber nur kleinlaut zusehen, was sie mit einem machen. Und man muss bemerken, dass man nicht bemerkt wird. Weil die Vorbei-Geher und die Vorüber-Eiler, die Nurvonhierweg-Raser und die Drüberweg-Flieger blind dahin schnaufen und pfeifen, stauben und lärmen, vorbeirattern und -donnern. Wo bleibt da Zeit für Bemerkungen! Über dich schon gar nicht. Falls doch einmal, würden sie umgehend feststellen, dass der Abstand zwischen Aufwand und Nutzen ihrer Beschäftigung mit dir mindestens so groß wie EinsNeunNeun zu Null wäre. Du bist eben eine nummerierte Nutzzlosigkeit.
Zwei auf Fahrrädern sahen herüber und riefen etwas, das er nicht verstehen konnte, und sie lachten darüber. Und er lachte ihnen in seiner breitmundigen und zerhackten Art nach und sagte etwas, das sie nicht hörten.
Siehst du, sagte er und neigte den Kopf wieder tief hinunter, siehst du, zu zweit lacht sich’s besser. Und lieber. Zu zweit lachen ist unterhaltsam. Allein lachen ist einfach lächerlich.
Ja, was meinst du – Gibt es nicht irgendwo noch so einen versteinerten Monolithen wie dich mit Namen EinsNeunNeun? Hm? Glaubst Du! Glauben ist nicht wissen. Glauben ist wie Weihwasser. Verspricht dir das Bad in Glückseligkeit, benetzt dir aber kaum die Stirn!
Sein breites Lächeln wurde immer schmaler.
Was würde es aber helfen, wenn’s ihn gäbe, den Kollegen EinsNeunNeun. Wo der ebenso vermessen und unbemerkt und einzementiert wegelagert. Sie könnten zusammen nicht kommen, das Elend ist viel zu tief. Das ist so verzweifelt tieftraurig, dass es schon wieder was Besonderes hat, das sich vielleicht in deiner dreieinige EinsNeunNeun versteckt hält.
Er wiederholte die Zahlen einige Male mit erhobenem Kopf, als bete er sie her. Dann noch einmal. Und er nahm seine Stirn zwischen Daumen und drei Finger, als gelte es, eine mysteriöse Nachricht zu dechiffrieren.
EinsNeunNeun. EinsNeunNeun. Da kann man wirklich nur einsame Langeweile und langweilige Einsamkeit feststellen. Eins. Neun. Neun. Eine Nummer wie kurz vor dem Ziel schlapp gemacht. Wie tot. Schau dir dagegen mal die SechsFünfSieben an. Die ist doch gleich springlebendig. Bewegt und beweglich mit ihrem Hin und Her. Oder die DreiSechsNeun. Ist das nicht eine zusammengespannte Troika auf dem Sprung nach oben?
Und ‘EinsNeunNeun’? Versuchen wir wenigstens, ihrem Multiplikanden und ihrem Multiplikator auf die Spur zu kommen. Vielleicht sind die interessanter.
Er hob den Kopf und schaute wieder die Straße entlang, als erwarte er die Beiden von dort.
Nein, sagte er und tat ein bisschen verzweifelt, deine EinsNeunNeun ist nicht einmal ordentlichen Ursprungs. Sie ist kein Produkt zweier natürlicher Zahlen. Sie ist eine dieser numerischen Einzelkämpfer im globalen Zahlenheer. Deine EinsNeunNeun ist eine Primzahl! Unteilbar wie das Vaterland. Und wie dieses auch ohne Vater und Mutter, und die restliche Familie will nichts von ihr wissen. Sie ist monolithisch. Und irgendwie inzüchtig. Und einsam. Und traurig. Ja, sehr traurig.
Er sah in den Himmel.
Ach Herr! Was kann man da Anderes von der Quersumme dieses vom Teufel gezeugten Dreierbundes erwarten. Eine Primzahl!
Unteilbar zu sein ist natürlich nicht die amtliche Bestimmung von EinsNeunNeun. EinsNeunNeun ist eine unverrückbare, durch drei Ziffern definierte Abstraktion einer akkurat vermessenen Entfernung zu einem Punkt Null. Aber denke nun nicht, dass dir diese Null ganz allein gehört!
Was die EinsNeunNeun den Vorbeiwanderern und den Eiligen und den Durchrasern von Amts wegen bedeuten soll – Es kann nichts allzu Großes sein, wo keiner Notiz nimmt. Klares Indiz für Einsamkeit – Nicht bemerkt werden!
Er stand auf und ging sogleich wieder in die Hocke.
Ich sehe aber, dass du doch manchmal Besuch bekommst. Vielleicht eine dieser krächzenden Saatkrähen, die zwischen zwei Felddiebstählen die Autos zählt. Oder es kommt eine Amsel vorbei und fiepst dir was bis zur nächsten Lärmkutsche. Ist doch zum Steinerweichen! Vielleicht punktlandet sogar eine Taube, zu deren Füßen dann ein verliebter Täuberich ganz lächerlich im Kreis tanzt. Trotzdem – Besuch ist Besuch. Wenn’s auch nur Dreck ist, den man dir hinterlässt!
Schlimmer allerdings wäre ein Kurzbesuch einer dieser schnellen Vierrädrigen, der auf dich zukommt und auf dich einschlägt, an dir hängen bleibt und ein gutes Stück aus dir herausbricht. Falls deine Nummer dabei nicht gelitten hat, bringt man dich wieder ins Lot. Das Stück, das man dir ausgebrochen hat, wird aber keinen kümmern. Verloren liegt’s im Gras. Als wäre es kein Stück von dir.
Er ließ sich nach hinten fallen, breitete die Arme aus und war so lange still, bis der Motorradfahrer den Lastwagen überholt hatte und beide in die Stille abgetaucht waren.
Träumst du manchmal?, fragte er. Wo du doch so viel Zeit für viele zeitlosen Wünsche hast? Nein?
Wieder schwieg er eine Weile, obwohl die Straße keinen Lärm machte.
Wollen wir mal zusammen träumen? Einen Traum, der sich jeden Tag, jede Nacht träumen lässt? Ohne dass er dabei alt wird? Weil er nämlich nicht leben muss? Ja? Also:
Da kommt eines Tages wie aus einem Wundermärchen ein wunderschönes Wandermädchen seines Wegs, müde schon und schwach von der Last des Rucksacks mit ihren Siebensachen. Sie ist jung und schlank und setzt sich dir obenauf und seufzt erlöst. Sie ist so schön gestaltet, wie das in Stein nur ein ganz großes Genie zuwege brächte, aber lange nicht so lebendig. Und als sie eine Weile da sitzt und du ihre Wärme spürst und anfängst, an deinem Steinsein zu zweifeln – Da beginnt in der Ferne ein Auto von tief unten heraufzusummen. Das Mädchen steht auf und hebt einen Arm und hält den Daumen so, als wolle sie dem Wagen die Fahrtrichtung anzeigen, wo der sowieso keine Wahl hat. Aber der fährt nicht weiter. Ein ganz passabler junger Mann steigt aus und lässt die Schöne einsteigen mit ihren Siebensachen und fährt davon. Seltsamerweise bist du nicht traurig, wieder allein zu sein und wieder kühler zu werden, als wüsstest du, dass beide übers Jahr in der Nacht wieder kommen und dich ausgraben und in ihren Garten setzen. Wo du doch ihr Nullpunkt bist, von dem aus ihr Glück gestartet ist und – wer weiß – vielleicht auch einmal enden wird.
Als hätte es das Ende der Geschichte abgewartet, machte sich jetzt wirklich ein Auto bemerkbar, murrte lauter und verstummte neben ihm. Zwei weiß gekleidete Männer stiegen aus.
Der Mann stand auf und lachte sie an wie gute Bekannte, und sagte, auch ein Kilometerstein sollte sich ab und zu mal wegträumen dürfen!
Jetzt hat er es tatsächlich bis zum Hundertneunundneunziger geschafft!, sagte einer der Männer.
Kommen Sie, Einstein, wir bringen Sie zurück! sagte der Andere.

 

© Erhard Löblein