Barbara Wolf: Die Mühlendirne

Hauptkategorie: Textprobe
Welch ein genialer Schachzug. Der „Stadtmüller“ wie er scherzhaft genannt wurde, malte sich alles genau aus. Er hatte die Karlstadter Mühle am dicken Turm erst 1627 im vorigen Jahre gekauft, denn dort ließ sich leichtes Geld verdienen. Ein passendes Weibsbild das die Männer anlockte hatte er gleich dort einquartiert.
Jetzt konnte er noch dem Bürgermeister das Eckstück Wiese neben der Mühle als Bauplatz anbieten. Mit dem Erlös würde er sich ein weiteres schönes Grundstück kaufen und wenn die Mühle mit seinem Nebenerwerb so richtig florierte, bekäme er einen guten Preis dafür, könnte sich ein feines Haus ohne Mehlstaub bauen und wäre ein angesehener Mann.
Bei den Händlern die an den vier Markttagen im Jahr in die Stadt kamen, war es seit langem bekannt, dass in der Rossmühle an der Stadtmauer nicht nur Mehl gemahlen wurde. Es war in vielen Mühlen so, dass man hier auch Liebesdienste kaufen konnte. Auch die Flößer und Schiffer wussten Bescheid. Sie nutzten das kleine Törchen von der Mainlände her, um zur Mühle zu kommen. Die Bezahlung erfolgte meist in Naturalien. Am einfachsten war es, mit Getreide zu bezahlen. Niemand konnte so genau ausrechnen, wie viel Mehl beim mahlen übrig bleiben würde. Doch auch Fische, Gewürze oder edle Stoffe wurden als Lohn angenommen. Mancher Freier liebte besonders die erotisch aufgeladene Atmosphäre in der Mühle. Das Stampfen der Rösslein, die ihre Runden drehen um die Mühlräder in Schwung zu halten, oder die Laute der Esel, die mit ihrem hhii hhaa, hhii hhaa den eigenen Lustschrei übertönten. Dazwischen trieb das Knallen der Peitsche, die schnaubenden Tiere zum Trapp an. Was gab es da schöneres, als die Wartezeit des Mahlens mit einem „Schäferstündchen“ zu verschönen. Ein Waschzuber mit angewärmtem Wasser stand im Stockwerk über der Mühle. Dorthin gelangte man über eine Aussenstiege, denn zuvor ins Badehaus zu gehen, wäre zu auffällig gewesen.
Der Müller war ein listiger Mann. Er hatte drei Mägde, die den Männern beim Einseifen und Abbürsten behilflich waren. Sobald der Lohn ausgemacht war, bekamen sie von seinem süffigen Wein zu trinken und durften sich eine der Wäscherinnen aussuchen. Wenn ein Freier den Frauen während des Badens unter die Wäsche griff, oder gar ihren Busen betatschte, erhoben die Mägde ein fürchterliches Geschrei bis der Müller kam. Man einigte sich an Ort und Stelle und um des lieben Friedens Willen verzichtete der Beschimpfte meistens auf die ausgehandelten Naturalien, die dann der Müller behielt.
Doch das passierte nur den Anfängern. Nach dem erfrischen-den Bade fühlten sich gerade die etwas älteren Herrschaften voller Tatendrang und verlangten nach mehr Wein und einem Weib. Jetzt wurde nochmals mit dem Müller verhandelt und wenn die Entlohnung stimmte, stand der Weg ins hintere Zimmer offen. Diese Kammer lag genau über dem Mühlrad, wo es besonders laut knatterte und die Tiere durch die Deckenbohlen zu hören und zu riechen waren.
Die Mühlendirne empfing die Freier meist auf ihrem Lager. Das Stroh darin war zusammengebunden und mit einem großen Lederstück überdeckt. Ein Schaffell benutzte sie als Kopf-kissen und eines als Zudecke. Sie war nicht mehr ganz jung, aber sie hatte fast noch alle Zähne und kaum graue Haare. Wenn mehrere Kunden am Tag kamen, war der Müller meist gut gelaunt und brachte ihr zusätzlich einen Krug verdünnten Wein den sie gerne trank, denn da musste sie nicht so viel nachdenken, auch nicht darüber, warum sie keine Kinder bekommen hatte.
Mit dem männlichen Geschlecht kannte sie sich aus. Sie behandelte jeden, zwar etwas ironisch wie einen hohen Herrn, doch das gefiel den meisten. Zu ihrem eigenen Schutz hatte sie eine kleine Peitsche versteckt, die sie einsetzte, wenn einer nicht genug bekam. Doch bei den meisten Männern genügte es, nach dem warmen Bade einige Zonen zu streicheln da konnten sie sich kaum zurückhalten.
Manche Männer waren grob zu ihr, das hatte sie früher gern, als sie noch jung und trunken vom Wein war. Manche seufzten dabei, das waren die zärtlichen Sehnsuchtsseufzer einer unerfüllten Liebe. Manche wollten mit ihrer kleine Peitsche gegeißelt werden, damit sie in Stimmung kamen. Manche wollten sie nicht anschauen, schoben ihr den Rock über den Kopf und gingen gleich nach ihrer Befriedigung aus der Kammer, als wollten sie nicht erkannt werden. Dann stiegen sie zufrieden die Treppe hinab und gingen ihrer Wege.
Einige plagte ihr Gewissen, sie bereuten ihre Lust und beichteten ihr sündhaftes Treiben im Beichtstuhl. Der Pfarrer gab sich mit flüchtigen Aussagen nicht zufrieden und wollte genaueres wissen. Nach und nach erfuhr er, was sich im Mühlenturm abspielte. Nicht jeder der dort verkehrte, war ein Sünder. Erst wenn die Lüstlinge das obere Mühlenzimmer aufsuchten, war die Gefahr groß, dass sie in die Abgründe des Waschzubers kommen und zur Dirne gehen würden. Auch dass dem einen oder anderen Geld abgeknöpft wurde, ohne dass er zum Zuge gekommen war, wurde ihm im Beichtstuhl versichert. Dieses unmoralische Treiben, das den Müller sichtlich reich machte, ohne dass er der Kirche etwas zukommen ließ, war dem Stadtpfarrer Johannes Stapp ein Dorn im Auge. Er überlegte wochenlang, wie er dem Müller das Handwerk legen könnte, bis ihm der Zufall zu Hilfe kam.
Bei einer Besprechung zur Fronleichnamsprozession mit dem Bürgermeister erfuhr er, dass die Wiese neben der „Sündenmühle mit der Mühlendirne“ verkauft werden soll. Die ganze Nacht lag er wach, bis ihm der erlösende Einfall kam.
Der Zimmermann wunderte sich über den sonderbaren Auftrag. In ein neues Fachwerkhaus neben der Rossmühle wollte der Besitzer im ersten Stock einen Erker eingebaut haben, mit dem er nicht wie üblich die Gasse hinaufschauen konnte. Doch wenn man in dem Erker saß, konnte man den Platz vor der Mühle mit den Getreideanlieferungen genau beobachten. Man sah, wie viel Säcke Mehl das Mahlen erbrachte, man konnte feststellen, wie lange der jeweilige Auftraggeber in der Mühle blieb und ob er die äußere Treppe in den oberen Stock hinauf stieg.
Das schlimmste aber war für den Stadtmüller, dass der Besitzer des neuen Hauses die Moral in Persona sprich der Stadtpfarrer war. Am sandsteinernen Türsturz über dem Eingang war das Wappen eingemeißelt daneben der Name des Hausherrn Stapp und darunter die römischen Zahlen *M D C X X IX für 1629. Um seine schriftlichen Arbeiten zu erledigen, setzte er sich tag aus tag ein in den Erker. Er grüßte die Leute, sprach jeden an, der in die Mühle ging und klärte besonders die Ehefrauen auf, wie viel Säcke Mehl sie für ihr Getreide bekommen müssten.
„Ich bin ruiniert“ jammert der Müller, „es kommt immer weniger Kundschaft. Das mahlen mit den Rössern ist viel mühsamer als mit den Wassermühlen am Mühlbach und wegen der Dirne wagen die Männer nicht mehr zu kommen, seit der neugierige Pfaffe hier wohnt.“
So kam es, dass die Mühle aufgegeben wurde. Nur die Dirne blieb noch einige Zeit im Turm wohnen, weil sie nicht wusste wohin.

 

(C) Barbara Wolf 2006