Barbara Wolf: In der Würzburger Zoohandlung

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Morgens und abends kletterte Vater Johann die Leiter zum Spitzboden des Mietshauses am Petersplatz 4 in Würzburg hinauf. Dort hatte er in einem Taubenschlag eine Vogelvoliere eingerichtet, in der er seine Kanarienvögel mit Hirse, Hanfkörnern, Äpfeln, Salat, Gemüse, Vogelmiere, Löwenzahn und gekochtem, gehacktem Ei mit zerkleinerter Schale fütterte. Er wusste genau, dass er ihnen auch Stoff- und Wollfäden in den Käfig legen musste, damit sie sich ein Nest bauen und Eier ausbrüten konnten. Die jungen Vögelchen verkaufte er meist an ein Zoogeschäft in der Sterngasse. Der Händler des Tiergeschäftes erzählte ihm eines Tages, dass er überraschend eine Stelle im Zoo von Berlin bekommen hätte. Deshalb werde er in der Zeitung inserieren und sein Geschäft zum Verkauf anbieten.
Johann schlug die Zeitung auf und las die Anzeige seiner Frau Maria vor. „Jetzt will der des Gschäft verkauf, was mach ich dann mit meinere Vögel?“ war die größte Sorge von Johann. 1933 waren viele Männer arbeitslos, so auch Johanns Schwager Franz Ziegler, der mit Marias Schwester im ersten Stock über dem Juweliergeschäft am Sternplatz wohnte.
Maria ging daraufhin zu ihrer Schwester und redete ihrem Schwager Franz gut zu. „Du kannst doch die Tierhandlung übernehmen.“ Zuerst lachte er, denn er verstand nichts von Kleintierhaltung. Doch als sie ihm auch noch Unterstützung von ihrer Familie zusagte ließ er sich schließlich überreden. Für 300 Reichsmark Ablösesumme gehörte die gesamte Zoohandlung Onkel Franz.
Johann packte einen ganzen Schwung junger Kanarienvögel in einen Käfig und machte sich auf den Weg zu seinem Schwager. Im Zoogeschäft verteilten sie die jungen Vögelchen in vorhandene Käfige. Diese Starthilfe zur Eröffnung war ein großer Erfolg, denn die kleinen gelben Vögelchen tirilierten und pfiffen, dass es eine Freude war.
Grammophone oder Radio konnte sich zu dieser Zeit kaum einer leisten, Fernseher gab es noch nicht und so war man froh über diese Abwechslung. Die drei Kinder von Johann und Maria kamen öfters zu Onkel Franz ins Geschäft und halfen beim Ausmisten der Käfige, die mit Sand eingestreut wurden. Den Sand konnte man bei den Sandschöpfern am Main kaufen. Sie holten Stroh für die Kaninchenställe aus dem Lager herbei, das aus dem Bauernhof der Großeltern von Gerchsheim stammte.
Beliebt waren auch kleine grüne Laubfröschchen bei der Kundschaft. Die beiden Neffen Ludwig und Karl fuhren mit ihren Fahrrädern zu einem Tümpel bei Kist, in dem viele Frösche lebten. Mit einem Fischnetz legten sie sich auf die Lauer und fingen die Tierchen ein. Dort holten sie auch Wasserlinsen und Wasserflöhe als Fischfutter. Im Geschäft setzte der Onkel die Fröschchen in ein hohes eckiges Glas mit einem Leiterchen. Die Kunden kauften sie gerne, denn man beobachtete ihr Verhalten zur Wettervorhersage. Saß ein Fröschchen oben auf der Leiter hieß es, es gibt schönes Wetter.
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(C) Barbara Wolf