Barbara Wolf: E’ goldens Nixle und e’ silberns Warteweile. Weihnachtszeit in den 50er Jahren

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Meine Großeltern lebten in einem Dorf, in dem sie einen kleinen „Kolonialwaren-Laden“ führten. Zusammen mit meinen Eltern bewohnten wir ein langes schmales Haus, wie sie früher in Franken häufig anzutreffen waren. Es gab ein Vorderhaus mit dem Laden und einer Wohnküche und ein hinteres Haus mit Werkstatt und für die Vorräte.
Die Vorweihnachtszeit begann damit, dass große Kartons mit Waren angeliefert wurden. Beim auspacken kamen Kerzen, Lametta, Engelhaar, Christbaumschmuck, Krippenzubehör, Ledertaschen und auch mancherlei Spielzeug zum Vorschein. Das Haus durchzog nun dieser Geruch von Kerzenwachs, Leder, Holz und fremdartigen Gewürzen.
Wir Kinder durften jeden Tag an einem glitzernden Adventskalender ein Türchen öffnen. Dahinter kam ein einfaches Bildchen zum Vorschein das zu leuchten schien.
Die Kundschaft im Laden fragte nun nach Goldpapier zum Sternenbasteln, nach Krippenfiguren und Weihnachtsgeschenken. Man fragte auch mich, was ich mir denn wünsche? „Was bringt denn das Christkind?“, wollte ich wissen. Ein Onkel, der manchmal auf einen Beerenwein vorbeikam, sagte mit erhobenem Zeigefinger: „Du kriegst e goldens Nixle und e’ silberns Warteweile.“ In meiner kindlichen Fantasie überlegte ich mir, was das denn sein könnte. War das vielleicht goldenes Engelshaar und silbernes Lametta? Es musste wohl etwas Engelhaftes sein, das mir an Weihnachten begegnen würde.
Doch bis es soweit war, gab es noch eine Menge zu erledigen. Plätzchen wurden gebacken, dazu gingen wir mit unseren fertigen Teigen in die Steinmetz-Mühle, die eine Backstube hatten. Der etwa einen Kilometer  lange Weg war weit für meine kleinen Füße. Da ich Märchen liebte, stellte ich mir vor, ich wäre die Goldmarie, die zum Backofen von Frau Holle kommt, oder ich wäre Gretel und ginge einen endlosen Weg bis zum Hexenbackofen. In der Mühle wurden das Spritzgebäck, die ausgestochenen Butterplätzchen und die Makronen in den Brotback-ofen geschoben. Man musste flink sein, um die Glasuren auf die noch warmen Plätzchen aufzutragen. Mit duftendem Weihnachtsgebäck zogen wir unser Wägelchen wieder nach Hause.
Der 6. Dezember war ein besonderer Tag; die Kunden hatten die Tage vorher Nikolausbärte und Besenruten mit Süßigkeiten für die Kinder eingekauft. In der Dämmerung sah man ab und zu einen Nikolaus mit seinem polternden Knecht die Dorfstraße entlang laufen.  Dem ersten Nikolaus, an den ich mich erinnere, musste ich meinen Schnuller ablie-fern. Das war ein schwerer Entschluss und bedeutete die erste harte Entsagung in meinem jungen Leben.
Meine Mutter erzählte später, sie hätte in einem Jahr einen Nikolaus auf der Straße gefragt, ob er auch bei uns vorbei käme. Tatsächlich kam er nach seinem Auftritt vorbei um uns beide streng zu ermahnen. Meine drei Jahre ältere Schwester glaubte aber schon nicht mehr an den Nikolaus, und sagte ihm dies auch furchtlos ins Gesicht. Darüber ärgerte sich dieser verkleidete Mann so sehr, dass er sie vom Knecht Ruprecht in seinen Sack stecken und mitnehmen ließ. Mutter geriet jetzt auch etwas in Panik und lief hinterher, denn ganz sicher war sie sich nicht wer dieser Nikolaus überhaupt war und was er vorhatte. Sprachlos blieb ich bei meinen Großeltern in der Stube sitzen. Quietschfidel kam meine Schwester kurz darauf zurück und versicherte tapfer, dass sie keine Angst gehabt hätte. Wir beschlossen aber trotzdem, im nächsten Jahr eine Schere zum Sackaufschneiden parat zu haben.
An eine Weihnachtsfeier von der Sängervereinigung kann ich mich noch gut erinnern. Es sollte im Saal eines Gasthauses ein Weihnachtsmärchen aufgeführt werden. Meine Mutter nähte für unseren Auftritt als Engelchen weiße Kleidchen. Am schönsten aber waren die goldenen Flügel, die uns um die Schultern gebunden wurden. Fast hätte ich eine Sprechrolle bekommen, doch man entschied sich dann für ein Mädchen das schon etwas älter war. Nach unserem aufregenden Weihnachtsspiel durften wir noch lange aufbleiben und als die Feier zuende war, trug mich Vater nach Hause – ich war eingeschlafen.
Unser Weihnachtswohnzimmer – ich kann mich nicht erinnern, dass es außer zum Klavierüben je benutzt wurde – lag im oberen Stockwerk über dem Laden. Geheimnisvollerweise war diese Türe plötzlich verschlossen... ... weiterlesen im neuen Buch des Autorenkreises Main-Spessart "Allerhand... rund um Weihnachten"

 

(C) Barbara Wolf 2004