Roman Rausch, Blanka Stipetic: Der Bastard (Romanauszug)

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Er ist der, den sie fürchten.
Sie wissen nichts von seiner Existenz. Wüssten sie es, wäre er an keinem Ort mehr sicher. Ihr Hass überwindet Tausende Kilometer, ohne an Kraft zu verlieren. Seine Mutter hat das nicht gewusst.

Nun ist er unter ihnen. Sie erkennen ihn nicht. Er ist nur einer von vielen anderen Schwarzen, Mulatten und Arabern in diesem Zelt.

Er ist einer mit schwarzer Haut, krausem, kurz geschorenem Haar und einem weißen Herzen. Sie sehen die Wahrheit nicht, obwohl in ihren Adern das gleiche Blut fließt.

Eine blutige Spur zieht sich durch ihr gemeinsames Schicksal. Es ist eine Verbindung, die niemals hätte stattfinden dürfen.

Doch das hat er nicht zu verantworten, er ist nur ein Junge. Ein besonderer, denn er trägt beide Seiten in sich. Das macht ihn zu einem Unfall, einer Tragödie, einer Grenzüberschreitung – in jedem Fall zu einem Desaster.

Seine Großmutter hatte ihn gewarnt, sich niemals mit der zweiten Seite in ihm, der weißen, einzulassen. Dadurch würde er das Schicksal herausfordern. Er versteht, dass aus ihrem Mund die Fürsorge spricht. Denn sie kennt die Kraft in ihm, die zur anderen Seite drängt. Er will Gewissheit.

Blood makes noise.

Dem Lärm des Blutes kann man nicht entkommen. Auch er nicht, der gerade dabei ist, die Grenze zwischen Kind und Mann zu überschreiten. Gewissheit und Klarheit sind die beiden Tugenden, die er als Mann zuerst erlangen will. Das lärmende Pumpen seines Blutes, das ihn seit früher Kindheit begleitet, wird er in dieser Nacht zum Schweigen bringen.

 

(C) Roman Rausch und Blanka Stipetic 2007

Aus: Der Bastard. Kriminalroman, Rowohlt 2007. ISBN 978-3499244957

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