Eva Büttner-Egetemeyer: Sanktus ... Unheilige Gedanken zu einem heiklen Thema

Hauptkategorie: Textprobe

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, warum ein Altenheim (pardon, eine Seniorenresidenz!) fast immer den Namen einer Heiligen trägt? Sollen himmlische  Damen wie St. Thekla, St. Anna, St. Hedwig usw. schon mal diskret auf das nahe Ende hinweisen? Oder haben sie die Aufgabe, den Ärmsten beizustehen, die ihr vertrautes Zuhause verlassen müssen, um ihren „Lebensabend“ in einer Seniorenresidenz zu verbringen?

Unsere französischen Nachbarn sind da viel ehrlicher, da gehen die Alten in das „Maison de retraite“, das Haus des Rückzugs - des Rückzugs aus dem Leben. Heilige haben da nichts verloren – die Kirche hat in Frankreich nicht mehr viel zu sagen.

Mir graut vor diesen Institutionen mit ihrer genormten Freundlichkeit, die die Krankenkasse zudem zeitlich genau festgelegt hat, vor den altengerechten hellen Möbeln, die so schrecklich neutral sind und der Phantasie keinen Spielraum lassen. Am Eingang gebe ich mein spontanes lautes Lachen ab wie meinen Mantel im Theater, gehe zum Aufzug, begegne alten Herrschaften, die alle Hausschuhe tragen (müssen?), und klopfe endlich an der Tür meiner Schwiegermutter, die schon auf mich wartet. Sonst wartet sie nur auf das Frühstück, das Mittagessen , das Abendbrot, auf Anrufe und Besuche......und auf den  Tod.

Das ist es, was mich so entsetzt – dieses gepflegte Warten auf den Tod. Man vertreibt sich die kostbare Zeit, aber das Leben bleibt vor der Tür. Jeder weiß es, aber keiner spricht darüber.

Am liebsten würde ich der Oma das Rätselheft aus der Hand nehmen, ihr den Mantel umlegen und sie mit ihrem Rollstuhl ganz schnell aus diesem Käfig entführen und fliehen, mit ihr einen Kaffee trinken gehen und nie mehr wiederkommen!!