Nachlese: Literarischer Neujahresempfang 2014

Hauptkategorie: Vorstellung des Autorenkreises / der Mitglieder

Guten Abend, und herzlich Willkommen.

Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.

Mit diesem Zitat von Franz Kafka möchte ich meinen kleinen Rück- und Ausblick beginnen.

Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.

Das ist vielleicht kein typisches Motto für einen Jahresrück- und Ausblick.
Und es ist auch kein typisches Zitat für mich, denn Formulierungen, die das Wort „müssen“ beinhalten, schätze ich nicht besonders. Niemand muss, wenn es um die Literatur geht. Es gibt keine festen Regeln, sondern nur Orientierungen, und die kann man durchbrechen.

Was es aber geben muss, ganz eindeutig muss, ist: Die Axt für das gefrorene Meer in uns. Das Mittel, das uns helfen kann, wieder zu fühlen. Das Wort, das geschriebene, wohlüberlegte Wort. Es hat Kraft, Kraft, zu zerstören, Kraft, aufzubauen, Kraft, zu verletzen und Kraft, zu versöhnen.
Und das gefrorene Meer in uns zum Bersten zu bringen.
Eis, das sich um unsere Erinnerungen gelegt hat, um unsere Vorstellungen von der Welt, Eis, das den Alltag von der Phantasie trennt.

Die Aktionen des Autorenkreises boten im literarischen Jahr 2013 viele Gelegenheiten, dieses Eis zum Bersten zu bekommen.
Es gab so viele Lesungen, dass ich sie gar nicht zählen möchte. Den Anfang machten unsere beiden Abende „Satz und Pfeffer“ sowie „Wort und Totschlag“, bei denen wir uns über jeden Zuschauer freuten, der trotz Glatteis und Schneetreiben den Weg zu uns fand.
Wir lasen bei Literaturfrühstücken, auf Buchfestivals und Wettbewerben, wir lasen zu Musik und spanischem Wein, wir lasen unter Kunstwerken, in Kellern und Bibliotheken. Von Arnstein bis in die Zellerau, von Schweinfurt bis Soltau, von Würzburg bis Wien, in Franken, Deutschland, Österreich und Ungarn.

Bei der Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Bücherverbrennungen auf dem Residenzplatz ging es um das gefrorene Meer der Vergangenheit. Auch Kafka war ein verbrannter Dichter. Auf Einladung der Akademie Frankenwarte lasen Andreas B. Arnold, Hans-Jürgen Beck, Ulrike Schäfer und ich Auszüge aus den Werken von Mascha Kaleko, Kurt Tucholsky, Stefan Zweig und Franz Werfel.

"Ein Buch muss die Axt sein gegen das gefrorene Meer in uns."

Aber welche Bücher, welche Texte sind erschienen im vergangenen Jahr, die dieses vielleicht bewirken können? Einiges davon werden Sie gleich noch hören dürfen, so dass ich nur einige der Texte und Autoren vorstellen möchte, die heute nicht zu Worte kommen.

Als erstes fällt mir ein Text von Ulrike Schäfer ein. „Nachts, weit von hier“, der mit dem Jurypreis des Irseer Pegasus ausgezeichnet wurde. Hier wird das schleichende Gefrieren im Inneren einer Frau geschildert, der wir wünschen, sie möge ein Buch finden, welches ihr wie die Axt von Kafka Luft zum Atmen verschafft.

In Anna Crons „Schrei der Auster“ geht es um das innere Eis einer Jüdin, die auf den Spuren ihrer Familie ein Buch über diese schreiben lässt, ein Buch, das vielleicht selber zu einer Axt werden kann.

Barbara Wolf erfreut mit ihren Geschichten die Herzen der Karlstädter seit vielen Jahren. Ihre Anthologien sind bestens geeignet, verschüttete, eingefrorene Erinnerungen wieder zu erwecken. Neu hinzugekommen ist gerade „Allerhand … unglaubliche Geschichten“.

Eine weitere Neuerscheinung ist „Ein Klick zu viel“, mein eigenes Baby. Was das Lesen in Ihnen, den Lesern, bewirken kann, das kann ich nicht beurteilen. Ich weiß nur, dass das Schreiben viele Eisbrocken in mir selber aufgelöst hat.

Viele andere Texte wurden geschrieben, ich kann sie gar nicht alle aufzählen.

Zwei neue Autoren finden Sie in unserem Kreis. Zum einen Pauline Füg, die von unserer Moderatorin Sandra Maus gleich noch ausführlich vorgestellt werden wird, und die Lyrikerin Eva Büttner-Egetemeyer aus Waldbrunn, die ihre Gedichte noch weiter reifen lassen möchte, bevor sie sie dem kalten Licht der Öffentlichkeit aussetzt.

Um eine Kälte ganz anderer Art und um das Ausgeliefertsein an eine fremde Macht ging es bei dem Aufruf „Die Demokratie verteidigen“ gegen die massive Ausspähung des Internets durch die NSA, den die Schriftsteller Juli Zehn und Ilja Trojanow im Dezember gemeinsam mit vielen anderen Autoren starteten. Auch der Autorenkreis unterstützt diese Petition und hat in einer gemeinsamen Presseerklärung mit vielen Kulturinstitutionen der Region die Öffentlichkeit dazu aufgerufen, die Petition zu unterzeichnen.
Dieses ist noch immer möglich. Weitere Informationen dazu finden Sie auf unserer Website, deren Adresse auf den Flyern zu finden ist.

Und in Zukunft?

Die beiden ersten Abende, die wie eine Axt wirken können, sind unsere Lesungen am 23.1., wenn Pauline Füg, Matthias Hahn und Ulrike Schäfer ausführlich zu Worte kommen, sowie die Lesung am 4.2., bei der Erhard Löblein, Jutta Rülander und ich lesen werden. Die genauen Infos können Sie den gerade erwähnten Flyern entnehmen.

„Die Jünger Jesu“ von Leonhard Frank ist eine Axt, bestimmt. Aber die Reaktionen der Zeitgenossen zeigten, dass ihr gefrorenes Meer noch nicht durchbrochen wurde.
Interessant ist es daher, zu sehen, wie „Die Jünger Jesu“ heute gelesen und aufgefasst werden. Dieses Jahr wird auf Initiative von „Lass den Klick in deiner Stadt“, einem Zusammenschluss von vier Würzburger Buchhandlungen, die Aktion „Würzburg liest ein Buch“ mit der Lektüre der „Jünger Jesu“ viele Diskussionen in unserer Stadt anregen. Ulrike Schäfer ist Mitglied des Organisationskomitees. Außerdem bearbeitete sie Leonhard Franks Drama „Ruth“, welches einen Handlungsstrang der „Jünger Jesu“ zeigt. Eine szenische Lesung findet am 6.4 im Theater Ensemble statt, die Uraufführung dann im Herbst 2014.
Außerdem fährt am 5.4. eine Straßenbahn, der „Literatur-Express“, in dem der Autorenkreis vier Stunden lang das Buch vortragen wird.

Eine gute Gelegenheit, das innere, gefrorene Meer zum Bersten zu bringen, ist der „Literatur-Mittwoch“ im Theater Chambinzky. An sechs Abenden kommen unterschiedliche Texte zum Vortrag. Ich erinnere nur an die Bocksbeutel, die Wolfgang Salomon zur Untermalung von Gunther Schunks Haikus zum Klingen brachte. Flyer mit den weiteren Terminen finden Sie auf dem Büchertisch.

Neue Themen werden gesucht, neue Geschichten erfunden. Roman Rausch widmet sich dem „Lauschangriff auf Würzburg“, einem Roman über die NSA. Außerdem erscheint von ihm im Mai der historische Roman „Die letzte Jüdin von Würzburg.“ Rainer Greubel arbeitet an einem neuen, bissigen Regionalkrimi dessen Titel wir noch nicht wissen. An neuen Romanen arbeiten auch Erhard Löblein, Swetlana Hübscher und ich. Und das sind nur die, von denen ich weiß. Viele Geschichten möchten erzählt werden. Sie schlummern in uns und manchmal benötigt man nur ein wenig Wärme, um sie zum Blühen zu bekommen.

Und um die Wärme, die zum Blühen verhilft, geht es auch im Juni 2014.
Es ist ein wichtiges Ereignis für den Autorenkreis, und vielleicht auch für sie, das wir im Juni feiern dürfen: 10 Jahre Autorenkreis Würzburg.

10 Jahre, in denen ein einmaliges Treffen sich zu einem regelmäßigen Stammtisch entwickelte, Hobbyautoren sich professionalisierten, Anthologien herausgaben, Lesungen organisierten, Verlagsverträge bekamen, und viele, viele Leser. Und schließlich entwickelte sich das Ganze zu dem Verein, der sich heute hier präsentieren darf. 10 Jahre, in denen Autoren zueinander fanden, das sprichwörtlich einsame Kämmerlein verließen. 10 Jahre, in denen so viel geschrieben wurde, gelacht, gestritten, und wieder geschrieben.

Auch diese Gemeinschaft kann das vollbringen, das Kafka dem Buch, dem geschriebenen Wort, zusprach: das gefrorene Meer in uns zum Bersten bringen. Miteinander reden, Texte das erste Mal vor anderen lesen, Kritik behutsam zu formulieren und sie im Gegenzug auch anzunehmen, all das kann eine Befreiung sein. Eine Befreiung von Versagensängsten, vom inneren, übermächtigen Zensor, vom gefrorenen Meer in uns.

Wir drei Sprecher des Autorenkreises, Andreas Arnold, Dr. Gunther Schunk und ich, möchten uns bei allen bedanken, die zum Gelingen dieser 10 Jahre wie zum Gelingen dieses Abends beigetragen haben.
Rainer Greubel betreut verantwortungsvoll unsere Finanzen, Matthias Hahn die Organisation des Literatur-Mittwoch im Theater Chambinzky. Swetlana Hübscher und andere schreiben eifrig unsere Sitzungsprotokolle, Erhard Löblein ist unser Grafiker und entwarf die wunderschönen Plakate und unser Logo. Unsere Homepage www.autorenkreis-wuerzburg.de wird von Ulrike Schäfer betreut, sie verschickt auch den monatlichen Newsletter. Roman Rausch organisierte mit sehr viel Einsatz die Unterstützung des Autorenkreises für die Online-Petition „Die Demokratie verteidigen im digitalen Zeitalter“.
Andreas Arnold, Christine Weisner und Eva Büttner-Egetemeyer halfen bei der Plakatierung, Barbara Wolf übernahm die Pressearbeit für die Lesungen. Jutta Rülander verkauft heute Abend unsere Bücher und Gunther Schunk plante mit mir die Lesereihe
Sandra Maus übernahm die Moderation des heutigen Abends, wofür ich mich besonders bedanken möchte, hat sie doch die weite Anreise aus Köln nicht gescheut, um den Abend zu bereichern. Kurz sei noch angemerkt, dass sie heute Abend das dienstälteste Mitglied aller Anwesenden ist, ein Gründungsmitglied der zweiten Stunde.
Außerdem sind dem Autorenkreis noch Hans-Jürgen Beck, Raimund Chitwood, Anna Cron, Uwe Dolata und Udo Pörschke seit Jahren verbunden.

Es ist mir ein wichtiges Anliegen, mich im Namen aller bei der Stadtbücherei Würzburg zu bedanken. Ohne Bücher keine Bücher, so könnte man es zusammenfassen. Keine Recherche, keine Inspiration.
Die Bücherei ist ein Ort der Begegnung, ohne den wir schlecht existieren können. Der Ort der Literatur, wenn man ihn in Würzburg suchen würde, hier würde man fündig. Hier laufen alle Fäden zusammen. Ein geheimes Literaturhaus.
Wir wurden bei der Vorbereitung dieses Abends in einem unerwarteten Maße unterstützt und ich möchte mich im Namen aller Autoren sehr, sehr herzlich bei der Leiterin, Frau Anja Flicker, und bei allen Mitarbeitern für die große Unterstützung bedanken.

Ebenso bedanke ich mich natürlich bei Mathias Repiscus dafür, dass er sich die Zeit genommen hat, uns heute Abend zu besuchen.

Am liebsten bedanke ich mich immer bei Ihnen, unserem Publikum. Vielen Dank, dass Sie gekommen sind, allen Verlockungen der Welt zum Trotz. Wir Autoren brauchen Sie.
Vielen Dank.

Ulrike Sosnitza